Im November 2024 erfüllte sich ein lang gehegter Wunsch: Gemeinsam mit unserem Rohkaffeepartner Plotcoffee reiste ich nach Äthiopien. Eine kleine Gruppe von Menschen aus Röstereien aus Deutschland, der Schweiz und der Ukraine begleitete uns. Seit der Eröffnung unserer Rösterei im Jahr 2018 wollte ich das Ursprungsland Äthiopien unbedingt kennenlernen. Die Gelegenheit bot sich nun, und ich wusste: Das ist meine Chance! Endlich konnte ich die Menschen, den Anbau, die Verarbeitung und den Export des Produkts, mit dem ich täglich arbeite, hautnah erleben. Ich war im Vorbereitungsfieber. Als Röster war mir zwar bekannt, dass Kaffeepflanzen in Äthiopien oft halbwild, meist in den Gärten von Kleinbauern, wachsen – anders als in vielen anderen Ursprungsländern. Doch ein Besuch vor Ort ist durch nichts zu ersetzen.
Unsere Zusammenarbeit mit Nastya und Sebastian von Plotcoffee begann mit einem Cupping in Hamburg im April 2024. Die dort verkosteten importierten Kaffees aus Kenia und Äthiopien begeisterten uns sofort. Die Qualität war herausragend: Sowohl die trocken aufbereiteten Naturals mit ihrer unglaublichen Floralität als auch die sehr klaren gewaschenen Bohnen überzeugten uns auf ganzer Linie. Besonders faszinierte uns das große Fachwissen von Nastya und Sebastian. Sebastian berichtete detailliert über die Veränderungen im Kaffeeanbau und -handel der letzten Jahre und die damit verbundenen neuen Herausforderungen. Schnell stand fest: Mit Plotcoffee wollen wir zusammenarbeiten.
Am 17. November 2024 startete unsere Reise. Wir flogen über Nacht von Frankfurt nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Dort trafen wir Yisak, den Neffen des Gründers von Testi Specialty Coffee, dem äthiopischen Partner von Plotcoffee. Mit Yisak und seinem Team verbrachten wir sechs aufschlussreiche Tage in Äthiopien, an die ich mich gerne erinnere und über die ich hier ausführlich berichten werde.
Über Testi Coffee
Testi Coffee wurde 2009 von Faysel Abdosh Yonis gegründet. Er führt das Familienunternehmen und hat es zu einem der größten Produzenten von Spezialitätenkaffee in Äthiopien aufgebaut. Über die Testi Project Direct Foundation unterstützt er in Äthiopien soziale Projekte. Faysel Abdosh und weitere Partner haben im Rahmen der Stiftungsarbeit in den letzten Jahren bereits mehrere Projekte realisiert, darunter der Bau von 2 Grundschulen in Yirgacheffee Aricha und Guji Shakkiso, die Errichtung einer Wasserpipeline in Sidama Shantewene. Weitere Projekte (z.B. in Hamasho und West Arsi Refisa) befinden sich derzeit im Bau.
Tag 1: Ankunft in Hawassa
Nach unserer Ankunft in Addis Abeba holte uns Yisak ab und brachte uns zunächst zum neuen Hauptquartier von Testi Coffee, wo auch die Dry Mill untergebracht ist. Anschließend nutzten wir den restlichen Tag zur Akklimatisierung in Addis. Wir genossen authentische äthiopische Küche in zwei verschiedenen Restaurants und besichtigten eine neue Rösterei von Testi Coffee. Am Abend reisten wir weiter nach Hawassa, dem idealen Ausgangspunkt, um die südlichen Kaffeeanbauregionen Äthiopiens zu erkunden. Da die Abfahrt für den nächsten Morgen bereits um 7:30 Uhr angesetzt war, legten wir uns zeitig schlafen. Ich war aufgeregt.
Wir schmecken Orangenblüte, Pfirsich und Schwarztee. Was schmeckst du?
Probiere ETHIOPIA Gara Agena.
Tag 2: Washing Stations Deri Fahmi und Adorsi
Am zweiten Tag unserer Äthiopienreise brachen wir pünktlich von Hawassa auf und nahmen eine knapp 5-stündige Autofahrt zur Washing Station Deri Fahmi in Angriff. Obwohl die Fahrt holprig und recht ungemütlich war, verging sie gefühlt schneller. Sie bot mir erste, tiefgreifende Eindrücke vom ländlichen Leben im Süden Äthiopiens – von den Straßen, den Häusern und vor allem den Menschen. Es war eine überwältigende Mischung aus Schönheit und Bedrückung, besonders weil es mein erster Aufenthalt in Äthiopien und überhaupt in Afrika war. Die sichtbare Realität eines so gänzlich anderen Lebens als meines in Europa war beeindruckend.
Viele Straßen, auf denen wir unterwegs waren, sahen so aus wie diese. Abseits der geteerten Hauptverkehrsadern gibt es in Äthiopien noch viele unbefestigte Straßen.
Leben auf dem Land und Architektur
Mein Eindruck aus dem staubbedeckten Fenster des holprig-fahrenden Autos war, dass das Leben hauptsächlich im Freien stattfand. Die Straßen säumten Lehmhütten in allen Bauphasen: von reinen Holzgerüsten bis hin zu verputzten und gestrichenen, kleinen Lehmhäusern. Je nach Region veränderte sich die Bauweise leicht. Besonders viele traditionelle Rundhäuser fielen mir auf. Oft stieg Rauch durchs Dach, da sich im Inneren typischerweise eine Feuerstelle befand. In Dörfern und Siedlungen roch es entsprechend stark nach dem Rauch der Feuerstellen, die sich häufig auch direkt vor den Häusern befanden und zum Kochen oder zur Müllverbrennung genutzt wurden.
Ein Eindruck vom Straßenrand auf dem Weg zur Washing Station Deri Fahmi.
Eine traditionelle Rundhütte.
Auf dem Weg in die Guji-Zone
Der November markierte den Beginn der Kaffee-Erntesaison 2024. Je näher wir den Anbaugebieten kamen, desto häufiger sahen wir Kaffeekirschen, die überall, wohl für den Eigenbedarf, zum Trocknen auf dem Boden ausgelegt waren. Unsere holprige Fahrt führte uns durch diese Landschaften in die Region Oromia, genauer gesagt in die für ihren Kaffeeanbau bekannte Guji-Zone. Wir passierten die Grenze zum Hambela District und schließlich zum Kebele Deri Kedame, der kleinsten Verwaltungseinheit in Äthiopien, die oft nur aus einem Dorf besteht. Yisak erklärte uns die Verwaltungsstruktur: Region, Zone, District, Kebele. Mit der Größe der Guji-Zone, die etwa Sachsen entspricht, dachte ich mir, dass dies die Herkunftsangabe auf einer Kaffeetüte nicht gerade präzise macht.
Ankunft auf der Deri Fahmi Washing Station
Kurz vor dem Ziel besuchten wir noch einen Kleinbauern, der seinen Garten mit mehr oder weniger wild wachsenden Kaffeepflanzen bewirtschaftete. Diese wuchsen inmitten anderer Pflanzen, die Schatten spendeten oder zum Eigenverzehr dienten. Der Boden war mit Blättern und Gräsern bedeckt, um ihn vor dem Austrocknen zu schützen. Die Kaffeepflanzen selbst wurden kaum beschnitten, da die Bauern aus Angst vor Ernteausfällen die Pflanzen lieber in Ruhe ließen, wie Yisak uns erklärte. Zu Hunderten liefern solche Kleinbauern jedes Jahr ihre Kirschen bei der Washing Station an.
“We have arrived,” sagte Yisak. Bei unserer Ankunft auf der 2000 Meter über dem Meer gelegenen Deri Fahmi Station, inmitten des gerade begonnenen Erntebetriebs, wurden die vollbepackten Säcke der Kaffeebauern optisch kontrolliert und gewogen. Nach dem Wiegen füllten die Arbeiter der Washing Station die Kirschen in andere Säcke um, um so auch die Qualität im unteren Teil der Säcke zu prüfen.
Frische Kaffeekirschen werden von Arbeitern der Washing Station Deri Fahmi gewogen und protokolliert.
Auf der Deri Fahmi Washing Station erhielten die Bauern für die Erntesaison 65 Birr pro Kilogramm Kaffeekirschen, was umgerechnet etwa 0,49 € entspricht. Zur Produktion von 1 Kilogramm Rohkaffee werden hier etwa 6 kg frische Kaffeekirschen benötigt.
Kaffeeaufbereitung: Natural Coffees auf Deri Fahmi
Yisak führte uns in Richtung der afrikanischen Betten und erklärte, dass auf Deri Fahmi ausschließlich natürlich aufbereitete Kaffees produziert werden, sogenannte naturals. Vor uns erstreckte sich eine große grasgrüne Fläche mit zahlreichen Bambuskonstruktionen – den sogenannten afrikanischen Betten – teils leer, teils mit Kaffeekirschen belegt. Ich sah mir die Betten genauer an: Die Kaffeekirschen waren nicht zu dick ausgelegt, um eine gute Luftzirkulation zu gewährleisten und so ungleichmäßiges Trocknen oder gar Faulen zu verhindern. Yisak erläuterte, dass bei Regen oder zu starker Sonneneinstrahlung die Kirschen abgedeckt werden. Je trockener die Kirschen werden, desto langsamer sollte der weitere Prozess erfolgen, erklärte er uns. Hochwertige Lots werden deshalb auf Betten im Schatten umverteilt. Der Trocknungsprozess ist beendet, sobald die Samen der Kirsche, also die Bohnen, eine Restfeuchte von etwa 12 % erreicht haben. Außerdem erzählte Yisak, dass die Kirschen auf den Betten sortiert und in fünf Qualitätsstufen unterteilt würden. Stufe 1 und 2 seien für den Export bestimmt, weil hier die besten Preise erzielt werden könnten, den Rest verkaufe man auf dem lokalen Markt.
Arbeiter:innen sortieren frische Kaffeekirschen.
Mein erster Besuch einer Washing Station in Äthiopien hatte mich zutiefst beeindruckt. Ich kam kaum noch aus dem Fotografieren und Fragenstellen heraus. Doch die Zeit drängte, und wir mussten zu unserem nächsten Ziel aufbrechen, der zweiten Washing Station des Tages.
Panne auf dem Weg zur Adorsi Washing Station
Mit unseren drei Geländefahrzeugen ging es wieder ein Stück zurück in Richtung Norden. Die holprige Fahrt, gesäumt von den Eindrücken des Straßenrands, führte uns zur Adorsi Washing Station. Die Straßen blieben unwegsam, meistens Schotterpisten voller Schlaglöcher, und so hatten wir bald eine Panne. Ein platter Reifen hielt uns auf, der aber, wie man uns schnell versicherte, in Äthiopien zum Alltag gehöre. Und tatsächlich ließen die gekonnten Handgriffe und der schnelle Reifenwechsel nichts anderes vermuten. Mit vier ganzen Reifen ging es also weiter.
Unsere erste Reifenpanne auf den Schotterstraßen Äthiopiens.
Unsere Reise führte uns nun in die Gedeo-Zone, genauer in den District Yirgacheffe, der ebenfalls sehr bekannt für seinen Kaffeeanbau ist. Bald erreichten wir die Kebele Aricha und auf etwa 2000 Metern öffneten sich die Flächen der Adorsi Washing Station.
Aufbereitungsvielfalt auf Adorsi
Hier, so erklärte uns Yisak, bereite man neben Naturals wie auf Deri Fahmi auch Kaffees mit den Methoden Washed, Honey und Anaerobic auf. Einer der Höhepunkte auf Adorsi war die Möglichkeit, bei der Produktion eines ganz besonderen Lots mitzuwirken, dazu aber später mehr.
Als Honey aufbereitete Kaffeebohnen trocknen.
Auch hier wurden während unseres Aufenthalts ständig frisch geerntete Kaffeekirschen angeliefert: zu Fuß, auf Eseln oder auf knatternden Motorrädern. Nach der Sichtkontrolle, dem Wiegen und Umfüllen erhielten die Kaffeebauern einen Coupon, den sie in einem Gebäude der Station gegen Bargeld eintauschten. Über alle Anlieferungen wurde penibel Buch geführt.
Herausforderung Kaffee sortieren und „einfaches“ Leben
Nachdem wir dem regen Treiben eine Weile zugesehen hatten, durften wir an den afrikanischen Trockenbetten selbst bei der Sortierung der Kaffeekirschen Hand anlegen. Das machte mir kurzzeitig viel Spaß, nicht zuletzt wegen der tollen Stimmung mit den Frauen und Männern, die in einem unglaublichen Tempo Kirschen sortierten. Der Spaß endete jedoch schnell: Rückenschmerzen von der leicht gebückten Haltung und klebrige Hände von den saftigen, zuckerhaltigen Kirschen machten mir zu schaffen. Trotzdem war ich froh über diese Erfahrung und den kurzen Einblick in die Sortierarbeit.
Zu meinem Glück kam Yisak in dem Moment vorbei und erlöste uns. Er holte uns zum Essen ab. Extra für uns wurde gekocht, was ich als große Ehre empfand, da die sonstige Versorgung auf der Station eher dürftig war. Es gab zwar eine Toilette, aber ohne fließendes Wasser, und wir wuschen uns die Hände mit Seife und Wasser aus Eimern. Das war auch nötig, da jetzt mit den Händen gegessen wurde. Es gab das traditionelle Injera, eine Art herzhafter Crêpe, mit dem wir die Beilagen aufnahmen. Auf Adorsi gab es an diesem Tag Bohneneintopf und gekochtes Ziegenfleisch.
Ein besonderes Lot: Carbonic Maceration
Nach dem Essen war es soweit: Sebastian und Yisak hatten im Vorfeld geplant, dass wir ein Carbonic Maceration Lot in einem Tank ansetzen. Wir füllten das zuvor auf einem Trockenbett sortierte Lot von etwa 400 kg Kaffeekirschen in einen großen Edelstahltank. Dieser wurde luftdicht verschlossen und über ein Ventil strömte CO2 ein. Gleichzeitig entwich der leichtere Sauerstoff über ein Ventil an der Oberseite des Tanks. Die Kirschen blieben für vier Tage zur Fermentation im Tank.
Der zweite Tag neigte sich dem Ende zu, die Sonne ging langsam unter, und wir setzten unsere Reise fort. Wir fuhren zu einer Lodge in der Stadt Dilla, wo wir die Nacht verbrachten. Dies sollte uns am nächsten Tag eine kürzere Fahrt zur nächsten Washing Station ermöglichen.
Tag 3: Washing Stations Gara Sole, Gara Agena und Ayla Bombe
Der Wecker riss uns früh aus dem Schlaf, denn es stand ein voller Tag an. Nach einem schnellen Frühstück begann unsere Fahrt in Richtung Nordosten. Mit unserer Geländewagen-Kolonne steuerten wir am späten Vormittag die Region Sidama an, genauer gesagt den District Bensa und das Kebele Hamesho, wo unser erstes Ziel lag: Die Washing Station Gara Sole, benannt nach dem nahegelegenen Berg Sole.
Gara Sole: Naturals in luftiger Höhe
Die Fahrt dorthin führte über holprige Schotterpisten, vorbei an unzähligen kleinen Dörfern, über Hügel mit weiten Ausblicken auf das Hochland und durch Täler, in denen die charakteristische rote Erde Äthiopiens immer wieder zum Vorschein kam. Auch die traditionellen Rundhäuser in dieser Gegend unterschieden sich von denen, die ich in den Tagen zuvor gesehen hatte.
Eine Rundhütte in anderer Bauweise.
Die letzten Meter hoch zur Washing Station auf 2300 Metern waren extrem steil. Ich fragte mich, wie hier jemals Lastwagen mit Rohkaffee für den Transport nach Addis Abeba hinunterkommen sollten. Gara Sole selbst, gelegen an einem steilen Abhang mit Blick auf ein benachbartes Tal, präsentierte sich anders als die Stationen vom Vortag: Die Trockenbetten, in Terrassen angeordnet, waren fast alle mit Kaffeekirschen belegt. Yisak erklärte uns, dass hier, wie auf Deri Fahmi, ausschließlich im Natural-Verfahren produziert werde, da die fehlende Nähe zu einem Fluss eine Washed-Aufbereitung unwirtschaftlich mache.
Reife und unreife Kaffeekirschen, die von Arbeiter:innen aussortiert wurden.
Der Station Manager führte uns herum und erläuterte die verschiedenen Qualitätsgrade. Er berichtete auch von einem speziellen Premiumprogramm von Testi Coffee, bei dem Kirschen von besonders gut gelegenen Farmen separat sortiert und getrocknet werden, um das Beste aus dem Kaffee herauszuholen – so wie die Bohnen für unsere Röstung “Ethiopia Gara Sole” (mittlerweile vergriffen). Yisak erzählte uns, dass in der Erntesaison 67 Menschen auf Gara Sole arbeiteten, um die Kirschen von 450 Farmen zu wiegen, sortieren, trocknen und für den Rücktransport nach Addis Abeba vorzubereiten.
Als der Himmel zuzog und die ersten Regentropfen fielen, drängte uns Yisak zur Weiterfahrt. Er warnte davor, dass wir die Station bei stärkerem Regen nicht mehr mit den Autos verlassen könnten. Da fiel mir die Frage zu den LKWs wieder ein und Yisak erklärte mir, dass die Säcke zunächst in kleineren Autos zum nächsten Dorf gebracht und erst dort auf LKWs geladen werden würden. Wir stiegen wieder in die Geländewagen und machten uns auf den Weg.
Kurzes Hallo auf Gara Agena
Nach etwa 20 Minuten erreichten wir die Washing Station Gara Agena auf 2250 Metern. Dieser Ort ist mir besonders in Erinnerung geblieben, da hier ein Natural-Kaffee produziert wurde, der mich mit seiner Klarheit, den Noten von Schwarztee, Pfirsich und floralen Aromen tief beeindruckte.
Ein Blick auf natürlich aufbereiteten Kaffee und die Washing Station Gara Agena.
Gara Agena liegt malerisch auf dem Steilhang einer Landzunge, die von einem Fluss umschmiegt wird. Das Klima war hier sehr frisch und klar. Als wir hinunter zum Wasser abstiegen, wurde es merklich wärmer und feuchter. Der Fluss liefert das Wasser für den Washed-Prozess, der in einem der Häuser der Station stattfindet. Da gerade keine Kirschen gewaschen wurden, fuhren wir weiter zu unserem nächsten Stopp: der bekannten Washing Station Ayla Bombe.
Philip Weller auf Gara Agena.
Ayla Bombe: Live-Einblick in den Waschprozess
Die holprige Fahrt dauerte gut 30 Minuten. Yisak erzählte uns, dass die Station nach dem nahegelegenen Dorf Bombe im Distrikt Bensa benannt wurde und sowohl Naturals als auch Washed-Kaffees aufbereitet werden.
Vor Ort wurden wir von Supervisor Samy in Empfang genommen, der uns zuerst die großen Fermentationsbecken zeigte, in denen die frisch entpulpten Kaffeebohnen auf den eigentlichen Waschprozess warteten. Nach einem ersten Rundgang über die ebenfalls am Hang gelegene Station wurden wir zum Essen gebeten. In einer fast vollständig abgedunkelten Hütte wurde über offenem Feuer ein unglaublich würziger und leckerer Bohneneintopf zubereitet, den alle sehr genossen.
Nach dem Essen wurde der Dieselgenerator gestartet, um die Wasserpumpe in Gang zu bringen. Diese beförderte Wasser aus dem nahegelegenen Fluss bergauf in die großen runden Betonbecken der Station. Hier sollten wir den Waschprozess live miterleben. Die Kaffeekirschen waren zuvor entpulpt worden, hatten also Haut und den Großteil des Fruchtfleisches verloren. Danach lagerten sie 48–72 Stunden in den Fermentationsbecken, damit sich auch die letzten Fruchtfleischreste lösten.
Nun waren sie bereit für den Waschprozess, der übrigens in Äthiopien erfunden wurde und zur Sortierung und Reinigung der Bohnen diente, wie Yisak uns wissen ließ. Die Klappen am Boden der Fermentationsbecken wurden geöffnet, um die Bohnen in leicht abfallende Kanäle zu leiten. Arbeiter schoben die Bohnen dort mit langen Holzrechen immer wieder nach oben gegen den Wasserstrom. Dabei trennten sich die dichteren Bohnen, die für eine bessere Röstung und ein komplexeres Aromaprofil stehen, von den leichteren. Die dichteren blieben weiter oben, die leichteren flossen ab und wurden entnommen. Das sogenannte “Kehren” der Bohnen dauerte etwa eine Stunde, und ich durfte selbst mit anpacken und kam dabei ordentlich ins Schwitzen.
Ein Einblick in den Waschprozess. Die Bohnen werden mit Holzrechen immer wieder nach oben geschoben, um sie mit Hilfe des Wassers zu sortieren.
Nachdem die Bohnen aus den Kanälen gespült und mit Netzen aufgefangen wurden, kamen sie direkt auf die Hochbetten, engl. raised beds, um zu trocknen. Samy erklärte, dass die Bohnen in den ersten Tagen der komplett der Sonne ausgesetzt seien, um schnell Feuchtigkeit zu verlieren. Gegen Ende der Trocknungsphase werden sie auf beschattete Betten umgelagert, um den Prozess zu verlangsamen und Qualitätseinbußen zu verhindern.
Unser Besuch auf Ayla Bombe neigte sich dem Ende zu, denn es lag noch der lange Heimweg zurück nach Hawassa vor uns.
Tag 4: West Arsi und die Washing Station AASH
Der vierte Reisetag begann zeitig mit der Fahrt zur Washing Station AASH in West Arsi, genauer gesagt im Distrikt Nensebo, Bulga Town, in der Region Oromia. Die Route führte über einen etwa 3000 Meter hohen Berg, wo wir einen kurzen Stopp einlegten, um die kühle Bergluft und die weite Aussicht zu genießen. Trotz der Höhe und der Kälte begegneten uns am Straßenrand immer wieder Menschen, oft in ärmlicher Kleidung, sowie junge Kinder, die Vieh hüteten. Die Landschaft wirkte in dieser Höhe karg, aber dennoch lebendig.
Nach rund vier Stunden erreichten wir die Washing Station AASH. Dort herrschte reges Treiben, da anscheinend eine offizielle Veranstaltung stattfand – lokale Politiker waren vor Ort, wie uns erklärt wurde. Die Station war festlich mit Fahnen geschmückt, und die Mitarbeiter trugen traditionelle Hüte, während sie unermüdlich die Kaffeekirschen und -bohnen auf den Trockenbetten wendeten und sortierten.
Arbeiterinnen rollen die Abdeckung der afrikanischen Betten auf, um die Kaffeebohnen zu wenden.
Farmbesuch: Wo die Kaffeepflanzen wachsen
Nach einem kurzen Überblick über die Station machten wir uns mit einer kleinen Gruppe auf den Weg zu einer nahegelegenen Farm, um die Kaffeepflanzen genauer zu begutachten. Auf dem Weg dorthin wurden wir von einem Mann in einem religiös anmutenden Gewand begleitet. Zudem passierten wir bewaffnete Männer in Uniform, die laut Yisak für die Sicherheit in der Gegend zuständig waren.
Der kleine Kaffeegarten, an einem Hang gelegen, präsentierte sich als dicht bewachsenes Areal mit dunklem, sattem Boden und üppigem Grünwuchs. Die Kaffeebäume waren hier, typisch für die Region, nicht beschnitten und teils sehr hoch gewachsen. Zwischen ihnen spendeten Bananenstauden und andere Bäume zusätzlichen Schatten. Die Kaffeebäume schienen schon älter zu sein, mit Moos an den Stämmen, und trugen eher unregelmäßig Kirschen. Ich probierte einige reife Kirschen, die sehr süß und fruchtig schmeckten. Neben einer kleinen Hütte inmitten der Bäume entdeckten wir auch angepflanztes Gemüse, darunter entdeckte ich Zucchini. Große, geierähnliche Vögel beobachteten uns von den Baumkronen aus. Später sollte ich sie auf der Washing Station wieder treffen.
Der dicht bewachsene Kaffeegarten mit Bananenstauden, Kaffeesträuchen und anderen Pflanzen.
Zurück auf AASH: Ein Blick auf den Entpulper
Zurück auf der Washing Station, wo regulär fünf Personen arbeiten und zur Erntezeit etwa 250 zusätzliche Pflücker im Einsatz sind, wurde uns der Entpulper in Aktion gezeigt. Die Maschine trennte die Bohnen mechanisch von den Kirschen – ein essenzieller Schritt für die Produktion von gewaschenem Kaffee. Die reifen Kirschen wurden dabei durch vibrierende Kanäle zu zwei rotierenden, vertikal angeordneten Scheiben geführt, welche die Bohnen aus den Kirschen rieben.
Mit Hilfe des Entpulpers werden die Kirschen um ihre Samen, die wir als Kaffeebohnen kennen, erleichtert.
Anschließend fielen die Bohnen in Wasserkanäle. Weniger dichte Bohnen, die entweder beschädigt oder unreif waren, sammelten sich an der Oberfläche und wurden separat abgeleitet und getrocknet. Die „guten“ Bohnen wurden zur Fermentation weitergeleitet und anschließend, wie bereits beschrieben, in Kanälen mit Holzschiebern gewaschen. Zum Abschluss besichtigten wir das Lagerhaus, in dem sich bereits zwei große Stapel getrockneter Pergamentkaffees befanden. So nennt man die fertig getrockneten Bohnen, die noch von ihrer Pergamino-Haut umgeben sind.
Ein Berg getrocknete Kaffeebohnen im Lagerhaus von Aash.
Mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck traten wir die Rückreise nach Hawassa an. Die etwa vierstündige Fahrt verzögerte sich jedoch durch eine weitere Autopanne – äthiopischer Alltag eben. Glücklicherweise wurde der Defekt auch dieses Mal schnell behoben, sodass wir wohlbehalten und voller Erlebnisse im Hotel ankamen. Den Abend ließen wir mit einem Grillabend ausklingen, zu dem uns Faysel, der Gründer von Testi Coffee, eingeladen hatte. Das Essen, unter anderem gegrillter Fisch aus dem nahegelegenen See, war wieder einmal hervorragend.
Tag 5: Washing Station Adnan
Der Tag begann erneut früh mit der Fahrt in die Region Sidamo, genauer gesagt zum Bura District, um die relativ neue Adnan Washing Station in der Kebele Hamsho Kebena zu besichtigen. Nachts hatte es geregnet und Yisak betrieb Erwartungsmanagement: Er sagte uns, dass die Schotterwege möglicherweise nicht passierbar seien und wir vielleicht nicht alle geplanten Washing Stations besuchen könnten. Ein weiterer Nachteil ungeteerter Straßen.
Ein Eindruck des unwegsamen Geländes, das nach den Regenfällen noch unwegsamer war.
Die Fahrt war tatsächlich abenteuerlich: Matschige, teils sehr steile Straßen bergauf und bergab forderten die Geländewagen heraus. Eines der Fahrzeuge war dem unwegsamen Gelände nicht gewachsen, sodass wir auf die verbliebenen zwei Autos umsteigen mussten. Glücklicherweise erreichten wir Adnan kurze Zeit später trocken und wurden von der Sonne empfangen.
Ein Blick auf die Washing Station Adnan.
Auf der Washing Station, die etwa drei Jahre alt ist und direkt am Fluss Ogita liegt, verarbeitete man mit der Ernte 2024/2025 erstmals auch gewaschene Kaffees. Wie schon an anderen Orten waren die Trockenbetten an einem steilen Hang errichtet, viele davon bereits mit ganzen Kaffeekirschen für die Natural-Aufbereitung belegt. Uns wurde erklärt, dass jährlich 450 bis 500 Farmerinnen und Farmer ihre Kirschen hierher bringen und die Station während der Erntesaison rund 70 Mitarbeiter beschäftigt.
Zwar war der Manager der Station auch für die nahegelegene Duwancho Washing Station zuständig, von der wir bereits einen Natural und einen Washed geröstet hatten und die ich deswegen gerne besucht hätte, aber die Straßenverhältnisse ließen einen Abstecher an diesem fünften Äthiopien-Tag nicht zu. Wir blieben daher bei Adnan.
Ungewöhnlich war, dass in der Nähe der Station neue Kaffeebäume gepflanzt wurden, da Washing Stations normalerweise nur verarbeiten und nicht selbst anbauen. Der Fluss Ogita bot ein idyllisches Bild: Kinder spielten und badeten darin, während Kühe und Schafe an den Ufern weideten. Nach einer stärkenden Mahlzeit traten wir die Rückreise nach Hawassa an, von wo aus wir noch am selben Abend zurück in die Hauptstadt Addis Abeba flogen.
Traditionelles äthiopisches Essen.
Tag 6: Hauptstadt Addis Abeba
Ein Höhepunkt am letzten Reisetag war die Besichtigung der Testi Coffee Dry Mill und ein geplantes Cupping mit den ersten Kaffees der aktuellen Ernte. Die Spannung war groß! Der Weg führte uns zum beeindruckenden Neubau des Testi-Hauptquartiers in einem Industriegebiet am Rande von Addis. Die riesige Produktionsanlage erstreckt sich über mehrere Stockwerke und dient als Anlieferungsort für alle Kaffees der Testi Washing Stations. Die angelieferten Kaffees liegen entweder als ganze, getrocknete Kirschen (Naturals) oder als geschälte, getrocknete Bohnen mit intaktem Pergamino-Häutchen (gewaschene Kaffees) vor.
In der Dry Mill durchlaufen die Bohnen einen aufwändigen Sortierungsprozess, der mit der Entfernung der Pergamino-Haut beginnt. Zuerst entfernt ein Entsteiner Fremdkörper wie Steine, Stöckchen oder Schalenreste. Es folgen Sortierungen nach Dichte und Farbe sowie eine Siebung zur Größensortierung der Bohnen. Abschließend erfolgt eine manuelle Nachsortierung durch Mitarbeitende am Fließband. Nach diesen Schritten sind die Rohkaffeebohnen fertig für die Abfüllung in Säcke und die Vorbereitung für den Export.
Ein Eindruck aus der Halle von Testi Coffee in Addis Abeba. Zu sehen sind Maschinen für die Farbsortierung und Volumenbestimmung der Kaffeebohnen.
Yisak erklärte uns diesen spannenden Prozess ausführlich, bevor wir uns ins hauseigene Kaffeelabor begaben. Dort erwarteten uns zwei große Tische voller Kaffees, sortiert nach Aufbereitungsart: gewaschen, natural und anaerob. Die Verkostung so vieler Kaffees war super spannend und eine große Herausforderung zugleich. Ich habe versucht, mir bestmöglich Notizen zu machen und so erste Eindrücke der neuen Ernte zu gewinnen.
Meine abschließenden Gedanken
Die sechs Tage bei den Kaffeeproduzenten in Äthiopien waren eine tief beeindruckende Erfahrung. Ich konnte das Ursprungsland unseres Kaffees mit eigenen Augen sehen und die gesamte Wertschöpfungskette – vom halbwilden Anbau im Garten der Kleinbauern bis zur aufwändigen Sortierung in der Dry Mill – hautnah miterleben.
Besonders in Erinnerung bleiben mir die Menschen, die uns mit großer Gastfreundschaft empfangen haben, und das einfache, aber intensive Leben auf dem Land, das wir an den Washing Stations wie Adorsi, Ayla Bombe oder Gara Sole kennenlernen durften. Der Einblick in die harte Arbeit bei der Ernte und Aufbereitung, sei es beim Sortieren der Kirschen oder dem kräftezehrenden „Kehren“ der Bohnen im Waschkanal, hat meinen Respekt vor dem Produkt noch einmal enorm gesteigert. Es wurde klar: Jede einzelne Bohne in unseren Tüten hat eine lange, anspruchsvolle Reise hinter sich.
Die Reise hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass die direkte Zusammenarbeit mit Partnern wie Plotcoffee und Testi Coffee der einzig richtige Weg ist. Nur so können wir die Qualität des Rohkaffees sichern und gleichzeitig sicherstellen, dass die Wertschätzung und ein fairer Preis direkt bei den Farmern und den Arbeitern ankommt, die die Basis für alles schaffen. Projekte wie die der Testi Project Direct Foundation zeigen zudem, wie wichtig nachhaltiges Engagement vor Ort ist.
Ich bin sehr dankbar für diese Chance und fest entschlossen, die Partnerschaft in den kommenden Jahren weiter auszubauen. Mit großer Spannung blicken wir nun der Ankunft der Container mit der neuen Ernte entgegen, um die Früchte dieser besonderen Reise bald in der Tasse schmecken zu können.
Blick aus dem Flugzeugfenster auf Addis Abeba.
Wir schmecken Orangenblüte, Pfirsich und Schwarztee. Was schmeckst du?
Probiere ETHIOPIA Gara Agena.
PS: Wer sich intensiver mit dem Thema Kaffeeanbau in Äthiopien und Kenia beschäftigen möchte, dem sei der ausführliche Podcast mit Sebastian und Philipp Schallberger von den Kaffeemacher:innen über Kaffee in Äthiopien und Kenia wärmstens empfohlen.











